Kanadakolumne: Was, wo, wann?

Im Jahr 2010 verbrachte ich - im Rahmen eines studentischen Auslandssemesters - ein halbes Jahr in Kanada. In meiner wöchentlichen Kolumne thematisierte ich mein kanadisches Leben. Ich berichtete von meinem Studentendasein an der "University of Victoria" und von meinen Reisen durch das riesige Land der Nadelwälder, Seen und Bären. In meinen Texten griff ich immer wieder meine Angst vor den pelzigen Riesen auf und schrieb über den Abbau meiner Bären-Phobie, den ich mit gezieltem Einsatz von Bärenglocken und schrägen Gesangseinlagen in der Wildnis vorantrieb.




Part 1: Angepöbelt, vergöttert und beschimpft: Magdeburg-Frankfurt-New York-Vancouver

New York, New York
New York, New York

8. April 2010: Bahn­fahrt Magdeburg-Frankfurt: Noch keine Bären in Sicht. Dafür aber ein pene­tran­ter, mür­ri­scher Opa, der unbe­dingt dort sit­zen möchte, wo sich unsere 80 Kilo­gramm Rei­se­ge­päck sta­peln. Der Schaff­ner ist uns gut geson­nen und schickt den Herrn auf einen ande­ren der unzäh­li­gen freien Sitz­plätze. Nach die­ser lieb­lo­sen Begeg­nung schlie­ßen wir Bekannt­schaft mit einem Betrun­ke­nen, der uns erst pau­sen­los anbag­gert und am Ende der Zug­fahrt wut­ent­brannt schreit: ICH HASSE OSSIS! Wir füh­len uns ange­spro­chen und müs­sen laut lachen. Wir sagen: „Thank you for tra­vel­ling with Deut­sche Bahn!“ und sind gespannt auf den New York-Flug mit AIR INDIA. Bis auf wenige Aus­nah­men sind die Rei­sen­den Inder und bil­den eine  inter­es­sante und bunte Men­schen­schlange

am Flug­ha­fen. Wir sind mit­ten­drin. Die Crew ist auch schon ein­ge­trof­fen. Der Pilot trägt einen Tur­ban und die Ste­war­des­sen sind in bunte Gewän­der gehüllt. Im Flug­zeug sit­zen wir neben einem älte­ren Inder, der von Conny unsanft geweckt wird: Um ihn eben gerade nicht zu stö­ren, möchte sie unsere Lese­lampe ver­stel­len, reißt aber die Schutz­scheibe hin­un­ter; diese prallt auf den Schirm sei­nes Base­caps und plumpst unter die Sitze. Der Mann schreckt zwar hoch, nimmt es aber gelas­sen.

End­lich in New York ange­kom­men, genie­ßen wir die beein­dru­ckende Metro­pole bei strö­men­dem Regen und klap­pern mit dem Bus­un­ter­neh­men „Gray Line“ die wich­tigs­ten Sehens­wür­dig­kei­ten ab. Erschöpft und müde geht es von New York wei­ter nach Van­cou­ver. Ein Pla­kat mit einen rie­si­gen Bären dar­auf, ver­stärkt meine Panik in irgend­ei­nem Wald zer­rupft und zer­kaut zu wer­den …

Zwei Bus­fahr­ten und eine Fähr­fahrt spä­ter sind wir in Vic­to­ria und machen unser Domi­zil aus­fin­dig. Wir woh­nen in zwei tol­len Zim­mern mit Ter­rasse und besit­zen ein Bade­zim­mer mit Eigen­le­ben …

Wie wir uns mit Schim­mel und Co anfreun­den und wie es uns in den ers­ten Tagen in der neuen Hei­mat ergeht, wird sich noch zeigen …


Part 2: Kellermenschen, Kaninchen und knackige Getränkepreise

15. April 2010: Lang­sam schiebe ich die Tür zum Bade­zim­mer auf: Ein mäch­ti­ger Bär in einem Putz­kit­tel steht in unse­rem Bad und schrubbt emsig Dusche, Klo­schüs­sel und Fuß­bo­den. Ich bin beein­druckt und habe gar keine Angst. Aber gut: Scherz bei­seite!

Das Bad mit Eigen­le­ben wurde am Tag nach unse­rer stra­pa­ziö­sen Ankunft von der Gat­tin des Ver­mie­ters in stun­den­lan­ger, müh­sa­mer Arbeit von Grund auf gerei­nigt. Sogar so gut, dass sich nun auch Deut­sche darin wohl­füh­len kön­nen und wir bereit sind die Miete zu bezah­len. Dafür wer­den wir am fol­gen­den Mor­gen mit einem Strom­aus­fall belohnt, der uns bis zum Nach­mit­tag in den war­men Schlaf­sä­cken gefan­gen hält und hei­ßen Kaf­fee erst nach 15 Uhr ermög­licht – so etwas sollte ver­bo­ten wer­den!

Das Oster­wo­chen­ende ver­brin­gen wir in der wun­der­schö­nen Innen­stadt am Hafen. Ostern wird hier zwar auch gefei­ert, aber so fana­tisch wie in Syd­ney (Aus­tra­lien) geht es hier nicht zu. Aus einer siche­ren Quelle weiß ich näm­lich, dass dort sogar die Super­markt­mit­ar­bei­ter mit Hasen­oh­ren abkas­sie­ren müs­sen … Wir las­sen die Fei­er­tage in einer gemüt­li­chen mexi­ka­ni­schen Bar mit einem „Cosmo­po­li­tan“ zum Son­der­preis aus­klin­gen und schlen­dern beschwingt nach Hause. Den­noch sind wir am nächs­ten Mor­gen fit genug, um end­lich die Uni­ver­si­tät ken­nen zu ler­nen. Unsere lie­bens­werte Kon­takt­per­son „Agata“ zeigt uns gedul­dig den gesam­ten Cam­pus – der sogar ein eige­nes Kino und diverse Cafés und Restau­rants besitzt.

Ein (echter?) Bär
Ein (echter?) Bär

Außer­dem muss ich stän­dig auf­pas­sen, dass ich nicht über eines der viel­zäh­li­gen Kanin­chen stol­pere. Im Gegen­satz zu den vie­len Kana­di­ern emp­fin­den wir sie jedoch nicht als Plage. Bären wären schlim­mer!

Fach­lich gese­hen wer­den wir ein Uni­ver­si­täts­pro­jekt mit dem Anfer­ti­gen von Video­st­reams und ähnli­chem beglü­cken. Nun steht aber erst ein­mal noch eine Party an, zu der uns Agata ein­ge­la­den hat. In über­aus freund­li­cher Atmo­sphäre haben wir die Gele­gen­heit, an E-Gitarren, einem Mega-Schlagzeug und Key­board her­um­zu­spie­len. Wir erfah­ren etwas über Marihuana-Anbaugegenden und ler­nen die deut­schen Preise für diverse alko­ho­li­sche Getränke zu schät­zen. In die­ser Woche ler­nen wir sowieso so eini­ges ken­nen, denn am fol­gen­den Tag begeg­nen wir unse­rem stum­men Mit­be­woh­ner, der im Kel­ler unse­res Hau­ses wohnt. Lie­be­voll tau­fen wir ihn den „Kel­ler­men­schen“ und machen es uns - wie immer - in unse­rem hel­len Erd­ge­schoss bequem …


Part 3: Dreier-Pasch in Las Vegas

Las Vegas!
Las Vegas!

22. April 2010: Ich ver­nehme ein lei­ses Pol­tern aus dem Kel­ler­ge­schoss. Mit einem Knall fliegt meine Zim­mer­tür auf und der Kel­ler­mensch steht im Bären­kos­tüm vor mei­nem Bett und brüllt mich an. Sein unfreund­li­ches Gebrumme ver­wan­delt sich plötz­lich in wir­res Geklin­gel und über­all blin­ken knall­bunte Lich­ter. Ich schre­cke hoch und wache schweiß­ge­ba­det auf. „Puh! Nur ein Traum!“, denke ich erleich­tert.

Die Rea­li­tät sieht näm­lich viel bes­ser aus: Heute ist Sams­tag und wir flie­gen nach LAS VEGAS!!!  Ein Hoch auf unsere erfolg­rei­che Schnäppchen-Jagd im Rei­se­büro! Unser Flie­ger gehört zwar eher in die Kate­go­rie „Spiel­zeug fürs Kin­der­zim­mer“ und vor dem Start muss die Ste­war­dess die Flug­gäste so plat­zie­ren, dass die gesamte Pas­sa­gier­masse opti­mal im Flie­ger ver­teilt sitzt. Natür­lich trifft es uns und wir wer­den umquar­tiert, obwohl im Gang neben uns eine schwer­ge­wich­tige US-Amerikanerin thront …

Wir machen einen kur­zen Zwi­schen­stopp in San Fran­cisco und kön­nen beim Lan­de­an­flug die knall­rote „Gol­den Gate Bridge“ bewun­dern. Noch beein­dru­cken­der ist dann aber der Lan­de­an­flug auf Las Vegas. Mil­lio­nen von Glüh­bir­nen sor­gen für ein immen­ses Lich­ter­meer, das sich majes­tä­tisch unter uns auf­tut. Mit offe­nem Mund fah­ren wir wenig spä­ter mit dem Shut­tle­bus durch die Stadt und sind zunächst sprach­lo­ser als bei unse­rer Ankunft in New York. Wir durch­que­ren nun die per­ma­nent blin­kende und bim­melnde Lobby des „Excalibur-Hotels“ und che­cken ein. Nach­dem wir den unüber­treff­li­chen Aus­blick aus dem 13. Stock unse­rer 27-stöckigen Unter­kunft genos­sen haben,

holen wir uns an der Bar unseren Begrüßungsdrink ab und schlie­ßen Bekannt­schaft mit zwei Ame­ri­ka­nern, die für „IBM“ arbei­ten und das dicke Porte­mon­naie ein­ge­packt haben. Sie machen uns ein unschlag­ba­res Ange­bot: Sie brin­gen uns das Wür­fel­spiel „Craps“ bei und lie­fern den Ein­satz, wäh­rend wir ihr Geld ver­zo­cken dür­fen. Toll! Wir posi­tio­nie­ren uns am Spiel­tisch und beob­ach­ten das undurch­schau­bare Trei­ben und genie­ßen die Wahn­sinns­stim­mung. Unsere zwei Gent­le­man packen ordent­lich Geld auf den Tisch und wir malen uns aus, was man mit einem 100$-Schein sonst noch so anfan­gen könnte …

Jeder Spie­ler am Tisch darf wür­feln. Als ich an der Reihe bin, raunt mir mein „Craps-Trainer“ zu, dass ich ein­fach nur an die Wür­fel glau­ben soll und flüstert mir sein Wunsch-Ergeb­nis zu. Ich kon­zen­triere mich und schmet­tere die zwei roten Wür­fel auf den grü­nen Spiel­tisch, glaube ganz fest an mich UND die Wür­fel. ZACK! Ein 3er-Pasch! Irre!!! Um mich herum jubeln fröh­li­che Män­ner­stim­men und klat­schen eupho­risch in meine erhobenen Hände. Ich glaube mein Ame­ri­ka­ner hat gerade 100$ gewon­nen. Wahn­sinn! So geht das noch eine ganze Weile. Ich habe wohl eine Glücksträhne. Letzt­end­lich gehen unsere zwei Freunde mit einem klei­nen Plus aus dem Spiel.

Wir beide füh­len uns nach die­sem Crash­kurs jedoch nicht fit genug, um UNSER Geld in Vegas zu ver­zo­cken und ver­brin­gen die Zeit in der knall­bun­ten Stadt in den vie­len ver­schie­de­nen Hotels, im Spon­ge­bob 4D-Kino und erfreuen uns ins­be­son­dere an der unglaub­li­chen Viel­falt der Men­schen. Von der abso­lu­ten High Society, über den Bett­ler sowie den „Freak“ bis hin zum stark über­ge­wich­ti­gen Ame­ri­ka­ner ist hier alles ver­tre­ten. Und wir mal wie­der mit­ten­drin. Andere Deut­sche tref­fen wir nicht, denn die Vul­kan­staub­wolke macht die Aus­reise gerade unmög­lich und wir wer­den auch stän­dig ver­wun­dert gefragt, wie wir es „aus Deutsch­land her­aus geschafft haben“. Ohne Pro­bleme rei­sen wir wie­der zurück in unser Aus­tau­sch­land und genie­ßen die natür­li­che Ruhe, die in Vegas nur schwer zu fin­den ist.


Part 4: Mit dem Fahrradhelm auf Bärenjagd

29. April 2010: Die Luft riecht wun­der­bar sal­zig, das Was­ser ist kris­tall­klar und voll­kom­men sau­ber. Eine erfri­schende Früh­lings­brise weht mir ins geschwitzte Gesicht und ich fühle mich so wun­der­bar frei. Vor mir dreht ein Otter seine Run­den im Meer und Schwäne spa­zie­ren über die gras­be­wach­sene Stein­küste. Male­ri­sche, bunte Häus­chen umge­ben die roman­ti­sche Küs­ten­li­nie. Diese wun­der­ba­ren Ein­drü­cke sam­meln wir auf unse­rer ers­ten grö­ße­ren Rad­tour. Seit ein paar Tagen besit­zen wir zwei Moun­tain­bikes, die uns die Uni­ver­si­tät gra­tis zur Ver­fü­gung stellt – bis zum Ende unse­res Auf­ent­halts. Wir haben uns nur noch einen Fahr­rad­helm zule­gen müs­sen; denn hier herrscht Helm­pflicht! Aller­dings wer­den hier meis­tens nur die coo­len Helme getra­gen, solche die im Ska­ting­be­reich üblich sind. Wir fin­den uns halb­wegs ansehn­lich, auch wenn wir in Wirk­lich­keit wohl eher wie „Bom­ber­man“ und der „Bekloppte Frosch“ aus der Klin­gel­ton­wer­bung aus­se­hen. Einen Vor­teil hat das Ganze: Wenn uns ein Bär begeg­net, brau­chen wir nun nur noch die Häup­ter sen­ken und auf den Pelz­rie­sen zustür­men. Mit unse­ren Kano­nen­köp­fen set­zen wir ihn garan­tiert außer Gefecht – sofern wir emp­find­li­che Körperteile gezielt rammen!

Ein bären­freies Wochen­ende ver­brin­gen wir in Van­cou­ver. Weil die Aus­sicht schlecht ist und es viel reg­net, bekom­men wir das Vorgebirge der Rockies und die Natur lei­der nicht zu sehen. Van­cou­ver ist rie­sig und belebt, aber lange nicht so male­risch wie Vic­to­ria. Trotz man­gel­haf­ter Sicht besu­chen wir einen Aus­sichts­turm („Van­cou­ver Look­out“), den wir über einen glä­ser­nen Fahr­stuhl errei­chen. Dabei genie­ßen wir einen impo­san­ten Aus­blick auf Van­cou­vers Wol­ken­krat­zer und Häu­ser­schluch­ten. Den Abend ver­brin­gen wir mit unse­rer Agata von der Uni und zwei ihrer Freunde in einem thai­län­di­schen Restau­rant. Wir unter­hal­ten uns ange­regt und genie­ßen die Gesell­schaft unser viel­ge­reis­ten Bekannt­schaf­ten. Die Nacht dür­fen wir unent­gelt­lich und völ­lig

Victorias schöne Küste

offi­zi­ell in Agata’s Hotel­zim­mer im 33. Stock­werk, mit­ten in der Innen­stadt Van­cou­vers, ver­brin­gen. Am nächs­ten Mor­gen muss Agata schon früh los. Ich liege in mei­nem Schlaf­sack bequem auf dem Boden. Weil unsere sym­pa­thi­sche Kom­mi­li­to­nin so geschickt ist und nicht über mich stol­pert, schla­fen wir geruh­sam bis 10.00 Uhr. Nach einem Spa­zier­gang im Stadt­zen­trum geht es mit der Fähre zurück nach Hause. Der gesamte Trans­fer dau­ert von der Innen­stadt Van­cou­vers bis zu unser Haus­tür knapp fünf Stun­den. Nach­dem wir uns erholt haben, geht es an die Arbeit und wir fah­ren mit der Über­set­zung eines eng­li­schen Arbeits­bu­ches fort. Daran arbei­ten wir bereits seit eini­ger Zeit. Wenn wir schnell sind, bekom­men wir es inner­halb der nächs­ten Woche fer­tig und kön­nen uns den geplan­ten Video­st­reams für unser Uni­ver­si­täts­pro­jekt wid­men. Um unsere Som­mer­fi­gur küm­mern wir uns seit kur­zem beim Squash spie­len. Dafür haben wir unsere Stu­den­ten­aus­weise durch eine Ein­mal­zah­lung von circa 100 Euro erwei­tert. Nun dür­fen wir den gan­zen Som­mer lang mit allen Bus­sen fah­ren und so oft wir wol­len in der Unis­port­halle die Squash­fel­der nut­zen. Ich bin noch Anfän­ge­rin und ganz froh, dass es gut läuft und ich mir mit dem klei­nen elas­ti­schen Ball noch kein blaues Auge ver­passt habe!


Part 5: Bärenalarm im Garten!

Lieblingsbar
Lieblingsbar

06. Mai 2010: Fünf­ter Mai: Noch immer kei­nen Squash­ball ins Auge bekom­men. Som­mer­fi­gur gleicht aller­dings auch noch der Win­ter­fi­gur. Immer­hin keine Gewichts­zu­nahme. Und das trotz aus­ge­dehn­ter Schlem­mer­abende anläss­lich eines run­den Geburts­ta­ges. (Das Geburts­tags­kind möchte unbe­kannt blei­ben.) Die Fei­er­lich­kei­ten haben wir am ver­gan­ge­nen Mitt­woch mit dem erneu­ten Besuch unse­res Eng­lisch­kur­ses in der Innen­stadt ein­ge­lei­tet. Der Unter­richt ist gra­tis, weil ange­hende Leh­rer sich an uns Fremd­sprach­lern aus­pro­bie­ren. Dazu gehö­ren – bis auf uns – nur Asia­ten. Wir sit­zen also auch diese Woche wie­der brav im Klas­sen­zim­mer und bil­den den blon­des­ten Farb­tup­fer im Raum. Weil unsere Mit­schü­ler so lebens­froh und auf­ge­schlos­sen sind, gehen wir mit „Akino“ und „Kana“ im Anschluss an den Kurs in unsere gemüt­li­che Tapa-Bar. Akino und Kana sind zwei lebensfrohe Japa­ne­rin­nen, die zum Stu­die­ren bzw. Arbei­ten nach Kanada gekom­men sind. Ihr Eng­lisch ist auf ähnli­chem Niveau wie unse­res und wir kön­nen uns super ver­stän­di­gen. Wir essen mexi­ka­ni­sche Chips und Oli­ven und genie­ßen dazu einen spa­ni­schen Weiß­wein. Das war aller­dings nur der Anfang.

Conny und ich tuckern mit dem Bus in unsere WG, wo ich sie mit einem guten Rot­wein über­ra­sche. Weil es uns an einem Kor­ken­zie­her man­gelt, besu­chen wir unsere Nach­barn. Das freund­li­che Paar bit­tet uns auch gleich her­ein. „David“ und „Corynn“ öffnen uns die Fla­sche, wäh­rend wir über unser Aus­tausch­se­mes­ter plau­dern. Dan­kend keh­ren wir in unser Haus zurück und laben uns an dem voll­mun­di­gen Rot­wein. Punkt null Uhr gibt es Geburts­tags­ge­schenke und Glück­wün­sche für das neue Lebensjahr(-zehnt). Unser Ver­mie­ter fin­det Geburts­tage schein­bar nicht so lus­tig, denn am fol­gen­den Tag ent­deckt er die rest­li­chen Geburts­tags­ker­zen, die nicht mehr auf den „Apfel-Zimt-Karamell-Kuchen“ gepasst haben und möchte sie am liebs­ten sofort weg­schmei­ßen, weil von ihnen eine enorme Brand­ge­fahr aus­geht. Gerade noch recht­zei­tig kann ich die unschul­di­gen Leucht­kör­per vor ihm ret­ten und ver­ste­cke sie in mei­nem Zim­mer. Viel­leicht brau­che ich sie ja mal, um mich vor einem Bären­an­griff zu schüt­zen! Die Chan­cen für eine reale Atta­cke ste­hen seit die­ser Woche näm­lich gar nicht mehr so schlecht. Lei­der. Denn wir hat­ten doch tat­säch­lich einen Bären in unse­rem Gar­ten! Er hat mehr­mals die Ter­rasse gequert und uns von einem Baum aus beob­ach­tet. Ja, ich meine tat­säch­lich einen Bären! Einen Wasch­bä­ren! Weil es auf­re­gen­der kaum noch wer­den kann, bleibt mir für diese Woche nur noch fest­zu­hal­ten, dass wir das Arbeits­buch im Wesent­li­chen fer­tig über­setzt haben und nun sämt­li­che Konferenz-Filmaufnahmen für unser Uni­ver­si­täts­pro­jekt sich­ten wer­den. Gut, dass wir erst neu­lich Kaf­fee nach­ge­kauft haben!


Part 6: Ein One-Night-Stand mit einem Korkenzieher

13. Mai 2010: Es ist dun­kel drau­ßen und ein sanf­ter Wind wiegt die Bäume im Gar­ten. In mei­nem Zim­mer brennt noch Licht und ich bli­cke durch die gro­ßen Veran­da­tü­ren in den düs­te­ren Vor­gar­ten und genieße die ange­bro­chene Nacht. Im Haus ist es ruhig. Bis auf Cor­ne­lia schei­nen alle Mit­be­woh­ner das Weite gesucht zu haben. Der Ame­ri­ka­ner ist schon vor Wochen aus­ge­zo­gen und der ver­spro­chene Nor­we­ger exis­tiert wahr­schein­lich über­haupt nicht. Urplötz­lich durch­drin­gen zwei Stim­men die Nacht und hau­chen der aus­ge­stor­be­nen WG Leben ein. Eine Män­ner– sowie eine Frau­en­stimme erklim­men die hel­len Holz­trep­pen und dre­hen im Ober­ge­schoss die Dusche an. Zur Lösung die­ses Fal­les, ziehe ich Cor­ne­lia zu Rate. Unsere Ant­wort steht schnell fest: Es gibt ihn doch, den mys­te­riö­sen Nor­we­ger und er hat Damen­be­such. Wochen­lang ist alles ruhig und nun schleppt unser Mit­be­woh­ner gleich einen One-Night-Stand ins Haus. Vor­sichts­hal­ber benutze ich Ohro­pax und genieße erst ein­mal eine ruhige Nacht. Am fol­gen­den Mor­gen kochen Conny und ich Kaf­fee und ver­neh­men Schritte. Auf ein­mal steht eine sym­pa­thi­sche Frau mit einem feschen Damen­haar­schnitt hin­ter uns. „Hi, ich bin Hilde. Die Mut­ter von Per Kris­tian aus Nor­we­gen!“, stellt sie sich freund­lich vor. Beschämt grin­sen Conny und ich uns an: Also doch kein One-Night-Stand!

Hilde ist supersympathisch und sofort kom­men wir ins Gespräch.
Das Wich­tigste in Kürze:
1. Sie bleibt für zehn Tage.
2. Sie ver­steckt sich vor unse­rem chi­ne­si­schen Ver­mie­ter und über­nach­tet gra­tis.
3. Ihr rosa­far­be­ner Kof­fer ist in Seat­tle ver­lo­ren gegan­gen und kommt hof­fent­lich bald nach.
4. Sie ist sehr inter­es­siert an einem gemein­sa­men Wein­a­bend.
Wir sind begeis­tert und freuen uns, auch unse­ren Mit­be­woh­ner bald ken­nen­zu­ler­nen. Knapp zwei Tage spä­ter–Hil­des Kof­fer ist mitt­ler­weile ein­ge­trof­fen–fin­det das erste gemüt­li­che Tref­fen in Per Kris­ti­ans (der unbe­kannte Nor­we­ger) Zim­mer statt. Es gibt Wein, Bier, Chips, Pizza und jede Menge Spaß. Erstaunt sind wir als wir erfah­ren, dass Per Kris­tian gar nicht abwe­send war und in den ver­gan­ge­nen Wochen ein­fach nur viel gear­bei­tet hat und spät nach Hause kam.

Cornelia, ich und Hilde aus Norwegen
Cornelia, ich und Hilde aus Norwegen

In Gedan­ken ent­schul­di­gen wir uns bei unse­rem Ame­ri­ka­ner, den wir für alle Krü­mel in der Küche ver­ant­wort­lich gemacht hatten … Unsere kleine Vier­er­freund­schaft wächst, als Per Kris­tian uns am Frei­tag von einer mords­mä­ßig gro­ßen Spinne im Bade­zim­mer befreien soll. Wir drei Frauen ste­hen um ihn herum und geben Kom­man­dos. Die Spinne hat aber lei­der Reiß­aus genom­men und sitzt hin­ter dem Schrank. Per Kris­tian muss Haar­spray in die Ecken sprü­hen und darf dann schla­fen gehen. Nur doof, dass die Spinne nach zwei Stun­den wie­der da ist und letzt­end­lich Conny zur Hel­din des Abends wird. (Spin­nen­be­sei­ti­gungs­tipps gibt sie auf Nach­frage gern bekannt.) An einem wei­te­ren Snack­abend pla­nen wir eine Rad­tour mit Hilde. Ihr Sohn muss lei­der arbei­ten, sodass wir eine Tour zu dritt vor­be­rei­ten. Schon am nächs­ten Tag düsen wir auf einem wun­der­schö­nen Rad­weg („Gal­lo­ping Goose Trail“) zum „Hatley-Castle“, schlei­chen uns – versehentlich ohne Ein­tritt zu bezah­len –in den bunten Blu­men­gar­ten und machen ein Pick­nick mit Rot­wein. Die­sen hat Hilde in einer blick­dich­ten Papier­tüte gut ver­steckt, denn es ist ver­bo­ten an öffent­li­chen Plät­zen Alko­hol zu kon­su­mie­ren. Weder unser ille­ga­les Ein­drin­gen in den Schloss­gar­ten, noch die Wein­ak­tion wur­den je auf­ge­deckt. Etwas müde düsen wir die 20 Kilo­me­ter in die Innen­stadt zurück und tref­fen uns zum Abend­es­sen mit Per Kris­tian. Die lus­tige gemein­same Zeit ist viel zu schnell ver­gan­gen und wir müs­sen uns von Hilde ver­ab­schie­den. Zum letz­ten gemein­sa­men Früh­stück bekom­men wir von ihr einen Kor­ken­zie­her geschenkt. Nun müs­sen wir: Ers­tens nicht mehr bei den Nach­barn klin­geln, kön­nen zwei­tens bes­ser an die lus­tige Zeit mit Hilde zurück­den­ken und haben drit­tens eine Waffe gegen gefähr­li­che (Wasch-)bären parat.


Part 7: Bitte keine Heiratspläne

Freundlicher Waschbär
Freundlicher Waschbär

20. Mai 2010: Wahr­heit oder Lüge: Auch Wasch­bä­ren sind wiss­be­gie­rig und trei­ben sich an der Uni­ver­si­tät herum? Wahr­heit! An den ver­gan­ge­nen zwei Wochen­en­den haben Cor­ne­lia und ich einen Work­shop zum Thema: „Wie halte ich eine gute Prä­sen­ta­tion?“ besucht. Bei unse­rem Besuch an der Uni haben wir nicht nur gelernt auf der Bühne und vor dem Publi­kum zu glän­zen, son­dern muss­ten auch erfah­ren, dass wir gar kei­nen Kor­ken­zie­her benö­ti­gen, um Wasch­bä­ren abzu­weh­ren. Genauso wie der erste Bär und alle Kanin­chen auf dem Cam­pus, ist auch die­ses Fell­tier vor uns aus­ge­ris­sen. Solange das auch bei den Grizz­lys in den Rocky Moun­tains funk­tio­niert, steht einem Wild­nis­trip ja nichts mehr im Wege! Zurück zum Thema Wahr­heit oder Lüge.
Der Prä­sen­ta­ti­ons­work­shop beginnt mit einem Auf­wärm­spiel. Jeder Teil­neh­mer soll eine wahre und eine gelo­gene Aus­sage über sich selbst zum Bes­ten geben und alle ande­ren müs­sen her­aus­fin­den, wel­che Äuße­rung ledig­lich frei erfun­den wurde. Wir erfah­ren, dass wir einen Kri­mi­nel­len – und pas­send dazu – auch gleich zwei Ord­nungs­hü­te­rin­nen in unse­rer Runde haben. Der sym­pa­thi­sche Ilam aus Indien hat im Alter von zehn Jah­ren für einige Stun­den im Gefäng­nis geses­sen. Er fuhr mit zwei wei­te­ren Kum­pels auf einem ein­zi­gen Motor­rad. Nie­mand hatte einen Füh­rer­schein und sie über­schrit­ten das Tem­po­li­mit. Grund genug, ein­mal für ein paar Stun­den im indi­schen Knast zu sit­zen! Da hät­ten wohl auch die Armee-Offiziere Marina und Ana­bel

aus Russ­land und Israel nicht mehr viel aus­rich­ten kön­nen … Die bei­den Work­shop­mo­de­ra­to­rin­nen fah­ren fort, indem sie die Grund­la­gen gelun­ge­ner Auf­tritte und Refe­rate erläu­tern. Als es um das Thema Augen­kon­takt geht, muss unser chi­ne­si­scher Mit­strei­ter eine sehr aus­ge­fal­lene Frage beant­wor­ten. Eine Teil­neh­me­rin möchte näm­lich unbe­dingt wis­sen, wie es ihm als Chi­ne­sen gelin­gen kann, den Leu­ten im Publi­kum in die Augen zu sehen. Schließ­lich gibt es doch so wahn­sin­nig viele Men­schen in China und bei einem Refe­rat kann es doch unmög­lich sein, dass zu allen Augen­kon­takt gehal­ten wer­den kann! Die Anmer­kung ist so absurd, dass der liebe Zheng sie über­haupt nicht ver­steht und ich muss mich zusam­men­rei­ßen beim Kopf­schüt­teln nicht laut los­zu­prus­ten.

Im Laufe des Lehr­gangs hören wir noch so einige inter­es­sante Vor­träge unse­rer mul­ti­kul­tu­rel­len Mit­schü­ler: Ilam erklärt die tra­di­tio­nelle indi­sche Hei­rats­ver­mitt­lung und Caro­lyn berich­tet, wie in ihrer Kul­tur – ihre Vor­fah­ren gehö­ren zu den Urein­woh­nern Kana­das – mit Ver­lust und Trauer umgegangen wird. So war der Tod für Carolyn’s Groß­el­tern eine natür­li­che Erschei­nung, auf die sie keine allzu star­ken Emo­tio­nen zeig­ten und wenn doch, ihre Gefühle aber nie­mals aus­spra­chen. Wir erfah­ren auch, dass eine indi­sche Ehe nicht nur als Ver­bin­dung zwi­schen zwei Indi­vi­duen, son­dern zwi­schen zwei gesam­ten Fami­lien gese­hen wird. Für Ilam ist es ganz nor­mal, sich nicht ein­fach zu ver­lie­ben und zu hei­ra­ten. Er ver­traut sei­nen Eltern in Punkto Part­ner­wahl und weiß, dass diese sowieso nur das Beste für ihn wol­len. Ich kann ihn irgend­wie ver­ste­hen und bin hoch­in­ter­es­siert daran, noch mehr über seine Kul­tur zu erfah­ren; den­noch finde ich es toll, dass meine Eltern – die zwar auch nur das Beste für mich wol­len – keine Hei­rats­ar­ran­ge­ments für mich treffen!


Part 8: Die Kreditkarte kennt den Weg!

28. Mai 2010: Diese Woche haben wir Besuch bekom­men: Conny’s Freun­din Sil­vana hat den wei­ten Weg aus dem Vogt­land bis an die kana­di­sche West­küste auf sich genom­men, um uns zu sehen. Sie ist auf ihrer wei­ten Reise aller­dings nie allein gewe­sen, denn ihre Kre­dit­karte hat sich als sehr treuer Weg­ge­fährte ent­puppt. Ihren ers­ten Ein­satz hatte die kleine Plas­tik­chip­karte im Duty Free Shop in Mün­chen. Dort musste sie näm­lich eine Fla­sche Rum finan­zie­ren. In Toronto hat die Spi­ri­tuose jedoch für schwa­che Ner­ven und ordent­li­chen Zeit­druck gesorgt, als Sil­vana erfah­ren musste, dass der Alko­hol nicht wie­der mit ins Hand­ge­päck darf. Ihr Kof­fer war schon längst auf dem Weg in das Flug­zeug, sodass der Rum – ver­packt in einem Kar­ton – sepa­rat auf­ge­ge­ben wer­den musste. Zum Glück sind Sil­vana, ihre Kre­dit­karte und der Rum pünkt­lich bei uns in Vic­to­ria ange­kom­men. Bei der Begrü­ßung müs­sen wir aller­dings vor­sich­tig sein, denn Sil­vana hat sich auf dem Inlands­flug zwi­schen Toronto und Vic­to­ria die „Kana­di­sche Rüs­sel­pest“ zuge­zo­gen.
Per­so­nen, die unter die­ser Erkran­kung lei­den, müs­sen in regel­mä­ßi­gen Abstän­den hus­ten und ihre Nase schnau­ben. Gele­gent­lich kommt es auch zu stoß­ar­ti­gen Nie­s­an­fäl­len. Die Gene­sungs­chan­cen lie­gen erfreu­li­cher­weise bei nahezu 100 Pro­zent. Den­noch müs­sen sich Sil­vana und ihre Kre­dit­karte in den ers­ten Tagen noch etwas scho­nen. Dank unse­rer chi­ne­si­schen Freunde aus dem Prä­sen­ta­ti­ons­lehr­gang geht es ihr aber schon bald viel bes­ser. Am Sams­tag sind wir näm­lich zum Abend­es­sen bei Zheng und Vivian ein­ge­la­den. Auf dem Tisch steht eine unglaub­li­che Viel­falt an Lecke­reien: Hühn­chen, Gemüse, Nudeln, gefüllte Teig­ta­schen, Was­ser­me­lone und zum Glück weder Hund noch Katze. Auch in China essen unsere Gast­ge­ber eher sel­ten Hun­de­fleisch und wenn doch, dann wer­den wohl nur die häss­li­chen Hunde ver­speist. Zum Nach­tisch bekommt Sil­vana noch

Unsere Freundin Silvana mit ihrem Kassenbon
Unsere Freundin Silvana mit ihrem Kassenbon

ein Heil­mit­tel ver­passt: Vivian – die Frau von Zheng – kocht „Gedampf­tes Ei mit Öl“ und ver­ab­schie­det uns mit drei Packun­gen Tee und einer Schach­tel chi­ne­si­scher Ziga­ret­ten. Schon einen Tag spä­ter ist Sil­vana wie­der fit und lässt in Van­cou­ver ihre Kre­dit­karte glü­hen. Hier und da gibt es ein ausgefallenes Sou­ve­nir und hüb­sche Ober­teile. Beson­ders ent­zü­ckende Klei­dungs­stü­cke gibt es aber in Seat­tle, wo wir die letz­ten drei Tage ver­bracht haben. Vor allem für Silvanas Kre­dit­karte gilt hier das Motto: „Schlaf­los in Seat­tle“. Die kleine Chip­karte kommt nicht nur in den cools­ten Kla­mot­ten­lä­den zum Ein­satz, son­dern auch in unse­rem Hotel­zim­mer: Sil­vana liegt müde in ihrem Hotel­bett und drückt schlaf­trun­ken auf der Fern­be­die­nung herum. Sie wird immer schwä­cher und schläf­ri­ger und betä­tigt direkt wäh­rend des Ein­schla­fens die Okay-Taste und bestellt sich einen kos­ten­pflich­ti­gen Spiel­film. Dank der let­zen Tage ist die Kre­dit­karte gut auf­ge­wärmt und bezahlt beim Ausch­e­cken brav die 16 $ Film­ge­bühr. Nur die Kar­ten­be­sit­ze­rin ärgert sich grün und blau über ihr teu­res Miss­ge­schick.
Mün­chen, Toronto, Vic­to­ria, Van­cou­ver, Seat­tle: Silvanas Kre­dit­karte hat immer einen Weg gefun­den und ihr damit einen span­nen­den Kanada-Urlaub beschert. „Die Kre­dit­karte kennt eben den Weg!“, wie Sil­vana selbst gern sagt.


Part 9: Wie überlebe ich einen Bärenangriff?

Eindeutiges Straßenschild
Eindeutiges Straßenschild

03. Juni 2010: In der letz­ten Kolumne ist das Thema „Bär“ lei­der viel zu kurz gekom­men. Aus die­sem Grund möchte ich die aktu­elle Kolumne ganz den pel­zi­gen Rie­sen wid­men. Außer­dem bekom­men Cor­ne­lia und ich bald Besuch von mei­ner Fami­lie. Damit möchte ich jetzt aber nicht zum Aus­druck brin­gen, dass meine Fami­lie Ähnlich­kei­ten mit Bären hat. Es geht viel­mehr darum, dass wir mit den Bei­den – mei­nem Vater und mei­ner Groß­mut­ter – einen Aus­flug nach „Tofino“ pla­nen. Das Sur­fer­pa­ra­dies gilt als land­schaft­li­cher Juwel an der West­küste von Van­cou­ver Island und besitzt nicht nur mensch­li­che Ein­woh­ner, son­dern auch tie­ri­sche Mit­bür­ger. Dazu gehö­ren lei­der auch die plü­schi­gen Raub­tiere, vor denen ich mich so fürchte. Damit Cor­ne­lia, mein Vater, meine Oma und ich den Aus­flug unbe­scha­det über­ste­hen, habe ich mich in das Thema „Bären-Sicherheit“ ein­ge­le­sen. Zual­ler­erst infor­miert mich meine Quelle dar­über, dass Bären weder nied­lich noch zahm sind und man auf kei­nen Fall mit ihnen kuscheln sollte. Das lässt sich ein­rich­ten. Dann erfahre ich, dass der Geruch von Kos­me­tik­pro­duk­ten und Zahn­pasta mög­li­cher­weise Bären anzieht. Ich werde wohl ab heute schon an einer neuen Gur­gel­tech­nik arbei­ten, damit der Bär, wenn ich ihn begrüße und ein freund­li­ches „Hallo“ hau­che, keine Minz-Rückstände erschnup­pern kann.

Und was die Kos­me­tik angeht: Es sind nur zwei Aus­flugstage, tröste ich mich. Zudem wird emp­foh­len in einer klei­nen Gruppe zu wan­dern und stets Geräu­sche zu machen – das bekom­men wir hin! Sollte vor uns den­noch ein Bär auf­tau­chen, müs­sen wir einen gro­ßen Bogen um ihn herum lau­fen. Sollte er trotz­dem zu nah bei uns sein und sich erhe­ben, dann müs­sen wir sanft mit ihm reden, damit er weiß, dass wir Men­schen sind. Sollte er trotz allem mit dem Kie­fer klap­pern, den Kopf sen­ken und die Ohren anle­gen; dann ist es an der Zeit sich tot­zu­stel­len. Aller­dings nur, wenn es sich um eine Abwehr­at­ta­cke eines Grizz­lys han­delt, den WIR über­rascht haben. In mei­ner Vor­stel­lung liegt der Über­ra­schungs­mo­ment zwar eher bei mir, als beim Bären; aber gut. Nach der Atta­cke – und das ist meine Lieb­lings­re­gel – sol­len wir so schnell wie mög­lich ver­schwin­den und dem Parkran­ger Bescheid geben. Über­haupt kein Pro­blem. Jetzt bin ich völ­lig beru­higt. Der Zusatz, dass Bären so schnell lau­fen kön­nen wie Renn­pferde; fan­tas­ti­sche Schwim­mer sind; über einen extrem guten Hör– und Seh­sinn ver­fü­gen; einen scharf­sin­ni­gen Geruchs­sinn haben und her­vor­ra­gende Baum­klet­te­rer sind, macht es nicht bes­ser. Ich lese aber auch, dass man den Bären nicht direkt in die Augen schauen sollte. Nun weiß ich was ich mache: Ich benutze schon eine Woche vor dem Trip keine Pfle­ge­pro­dukte mehr, putze am Mor­gen vor der Abfahrt meine Zähne nicht, über­lege mir einen freund­li­chen Text für den her­an­na­hen­den Bären und nehme vor­sichts­hal­ber meine Brille ab, damit ich erst gar nicht in Ver­su­chung komme, ihm direkt in die Augen zu sehen, wäh­rend ich mich tot­ stelle.
„Tofino“ wir kommen!


Part 10: Gespensteralarm!!!

09. Juni 2010: „Shì“, „bù“, „xiè­xie“ und „nínhǎo“! Ja, ich lerne chi­ne­sisch! Aber nur gele­gent­lich – immer dann, wenn ich mich nicht gerade mit Bärenvermeidungs-Maßnahmen befasse oder auf Eng­lisch mei­nen Kaf­fee bei Star­bucks bestel­len muss. Die drei Worte bedeu­ten über­setzt: „Ja“, „Nein“ und „Danke“ und ich habe sie von unse­ren chi­ne­si­schen Freun­den Zhen und Vivian gelernt. Seit dem gemein­sa­men Essen in ihrem Hause, sind wir immer mal wie­der mit ihnen unter­wegs und erfah­ren all­mäh­lich mehr über ihren chi­ne­si­schen Lebens­stil. Zuletzt sind wir gemein­sam auf den Mount Dou­glas (Berg inmit­ten Victoria’s) gewan­dert und haben gepick­nickt. Wenn es einem Chi­ne­sen schmeckt, dann wird gerne ein­mal laut geschmatzt. Für uns eine unge­wohnte Art und Weise, sich für unsere Käse­sand­wi­ches zu bedan­ken. Wie man sich auf Chi­ne­sisch rich­tig zupros­tet, müs­sen wir vor­erst nicht ler­nen. Es ist in Kanada ver­bo­ten, in der Öffent­lich­keit Alko­hol zu trin­ken und unser Freund besitzt eine Alkohol-Unverträglichkeit und bekommt beim Trin­ken Aus­schlag und Pus­teln – ein schreck­li­ches Lei­den! Wie er da wohl bei sei­ner Hoch­zeit ange­sto­ßen hat? Zhen und Vivian sind etwa in mei­nem Alter und haben bereits vor zwei Jah­ren den Bund der Ehe geschlos­sen. Das chi­ne­si­sche, fami­liäre Groß­er­eig­nis wurde mit 500 Gäs­ten gebüh­rend gefei­ert. Für Jeman­den, der in einer 10 Mil­lio­nen Metro­pole lebt; kein Pro­blem. Zhen und Vivian geben ein nied­li­ches Paar ab. Auch wenn die tra­di­tio­nelle Rol­len­ver­tei­lung zwi­schen Mann und Frau so lang­sam auf­weicht; ist es Vivian, die täg­lich für ihren Mann kocht. Als Zhen nach dem gemein­sa­men Essen (vor zwei Wochen) ein gro­ßes Mes­ser in die Hand nahm, erkann­ten wir ein­deu­tig Panik in Vivians Augen. „Er benutzt diese Küchen­werk­zeuge nur sehr sel­ten.“, erklärte sie und schaute ängst­lich zu, wie er mit dem schar­fen Gegen­stand in die dicke, runde Melone pikste. Trotz unge­wohn­ter Tätig­keit, hatte er zum Glück nur die Frucht und kei­nen sei­ner Tisch­gäste zer­teilt. Trotz Ver­trauen und Liebe, die die bei­den

Cornelia, Zheng und Vivian
Cornelia, Zheng und Vivian

zwei­fels­ohne für­ein­an­der emp­fin­den, gibt es aber auch Eifer­süch­te­leien in der chi­ne­si­schen Bezie­hung. Beim locke­ren Schwatz auf der Spitze des Mount Dou­glas, erzählt Zhen von sei­nem Flug zu einer Kon­fe­renz nach Mon­treal. Bei­läu­fig erwähnt er, dass ihn die kana­di­sche Frau auf dem Neben­sitz, bei der Aus­wahl eines Spiel­fil­mes unter­stützt hat. Seine Frau Vivian bekommt große Augen, dreht sich ent­setzt zu ihm und fragt: „Was??? Das hast du ja noch gar nicht erzählt!“ Dem folgt eine knappe Kon­ver­sa­tion in chi­ne­si­scher Spra­che und eine lie­be­volle Umar­mung. Wir sind beru­higt. Meine span­nendste Lek­tion bleibt aber die Erkennt­nis, dass Chi­ne­sen keine Blon­di­nen­witze ken­nen! Woran das wohl liegt?
Zuletzt möchte ich noch anmer­ken, dass wir seit kur­zem einen Haus­geist besit­zen. Er ist ver­mut­lich nicht chi­ne­si­scher Abstam­mung – anders als unser Ver­mie­ter, der beim Rasen­mä­hen gern freund­lich in das Haus hin­ein winkt. Der Geist ist bis­her nur von Conny gesich­tet wor­den. Sie schwört, dass sie eine junge Frau mit blon­den Locken ent­deckt hat. Trotz­dem ich sie freund­lichst dar­auf hin­weise, dass sie wäh­rend die­ser Ent­de­ckung neben unse­rem rie­sen­gro­ßen Flur­spie­gel gestan­den hat, beharrt sie auf ihrer Fest­stel­lung. Seit­dem klü­geln Per-Kristian, Conny und ich Stra­te­gien zur Über­füh­rung des locki­gen Gespens­tes aus …


Part 11: Sprechen Bären Englisch?

Oma, Bär, Vater
Oma, Bär, Vater

17. Juni 2010: Geschirr klirrt. Eine Kühl­schrank­tür wird geöff­net und wie­der geschlos­sen. Kaf­fee­was­ser kocht. Lang­sam sto­ßen wir die Tür zur Küche auf und tat­säch­lich ste­hen wir einer frem­den, blon­den Frau gegen­über. Wir haben den Haus­geist ertappt! Nach einem knap­pen Wort­wech­sel steht fest: Unser Gespenst ist völ­lig neben der Spur. Weil wir wis­sen, dass hier Mari­huana geraucht wird, boh­ren wir nicht wei­ter nach und ver­ste­cken uns lie­ber wie­der in unse­ren Zim­mern. Wir stu­fen unser Gespenst den­noch als „unge­fähr­lich“ ein und kön­nen ruhi­gen Gewis­sens auch mei­nen Vater und meine Groß­mut­ter im Geis­ter­haus ein­quar­tie­ren. Diese Woche ist es end­lich soweit: Der bärige Fami­li­en­aus­flug an die West­küste steht bevor.

Zunächst gibt es aber andere kolos­sale Hin­der­nisse zu über­win­den:
Die geringe Größe unse­rer Abwas­ser­rohre ver­läuft unpro­por­tio­nal zu unse­rem Toi­let­ten­pa­pier­ver­brauch. Ein­deu­tig ein Fall für unse­ren chi­ne­si­schen Ver­mie­ter: Mit einer Saugglo­cke bewaff­net, behebt er das Pro­blem. Zudem schlägt er vor, benutz­tes Toi­let­ten­pa­pier in Zukunft lie­ber in einer Plas­tik­tüte neben der Toi­lette auf­zu­be­wah­ren. Na, wenn das kei­nen Bären anlockt!

Wie man Tiere wirk­lich für sich begeis­tert, zeigt uns aber zunächst meine Oma: In einem klei­nen Hafen in Vic­to­ria tum­meln sich des öfte­ren Rob­ben. Völ­lig begeis­tert kauft sich meine Groß­mut­ter einen klei­nen toten Fisch, greift ihn an der Schwanz­flosse und lässt ihn über der Was­ser­ober­flä­che bau­meln. Die nied­li­che Robbe taucht lang­sam auf,

will sich den Lecker­bis­sen gerade schnap­pen, als wie aus dem Nichts eine gie­rige Möwe auf­kreuzt und Oma den Fisch im Sturz­flug aus der Hand reißt. Die Robbe ist zutiefst ent­täuscht, die Möwe grinst hämisch und ich liege vor Lachen auf dem Holz­steg. Nach­dem meine Oma sich gründ­lich die nach Fisch rie­chen­den Hände gewa­schen hat, wagen wir uns mit dem Miet­wa­gen in die kana­di­sche Wild­nis. In „Tofino“ mie­ten wir uns eine win­zige, lau­schige Holz­hütte mit Blick auf den Pazi­fik und einen schnee­wei­ßen Strand. Erfreu­li­cher­weise näch­ti­gen wir einige Meter ober­halb des Mee­res­spie­gels, sodass wir uns maxi­mal als Bären-Nachspeise eig­nen. Weil der Geruch duf­ten­der Pfle­ge­pro­dukte einem Bären mög­li­cher­weise gefal­len könnte, hüp­fen Conny, meine Oma und ich erst ein­mal in den 8° Cel­sius (!!!) kal­ten pazi­fi­schen Ozean. Nach die­sem Bade­spaß sind wir nicht nur min­des­tens zwan­zig Zen­ti­me­ter geschrumpft, son­dern auch frei von jeg­li­chen Par­füm­düf­ten. Erstaun­li­cher­weise hat diese Anti-Bären-Maßnahme gewirkt, denn am Ende die­ses Aus­flugs haben wir kei­nen ein­zi­gen Bären gesich­tet. Schade eigent­lich, denn wir waren so gut vor­be­rei­tet!

Weil man sich mit einem angrei­fen­den Bären sanft unter­hal­ten soll, haben wir mei­ner Oma sogar ein paar Bro­cken Eng­lisch beige­bracht und die Sprach­kennt­nisse mei­nes Vaters ver­tieft. Am Ende des Urlau­bes bekommt mein Vater, der sich einen klei­nen Scho­ko­milchs­hake bestel­len möchte, immer­hin einen mit­tel­gro­ßen Erd­beer­milchs­hake aus­ge­hän­digt und Oma kann sich ent­schul­di­gen, als sie beim „Whale Watching“ bei Wind­stärke 8 auf ihren Nach­barn plumpst. Wir konn­ten zwar mit kei­nem der Bären über die geschmack­li­chen Unter­schiede zwi­schen einem Erd­beer– oder Scho­ko­milchs­hake phi­lo­so­phie­ren, sind aber den­noch voll auf unsere Kos­ten gekom­men, als wir einen rie­si­gen Kil­ler­wal direkt neben unse­rem Boot bewun­der­ten und ein eng­li­sches „Wow“ aus­ru­fen konnten.


Part 12: Habt ihr euch etwa verlaufen?

24. Juni 2010: Die kana­di­sche Juni­sonne scheint mir auf den Kopf und wärmt meine Gedan­ken. Wäh­rend ich so auf der Ter­rasse sitze und über das Thema der dies­wö­chi­gen Kolumne nach­denke, wird mir bewusst, dass es Halb­zeit ist. Nein, nicht beim Fuß­ball! Conny und ich haben nun schon die Hälfte unse­res Aus­tausch­se­mes­ters in Kanada hin­ter uns. Erschre­ckend, wie schnell die Zeit bis­her ver­gan­gen ist. Jeden­falls möchte ich „das Berg­fest“ zum Anlass neh­men, um meine per­sön­li­chen „Kanada-Highlights“ mit Euch zu tei­len.

Schon in der letz­ten Woche wurde klar, dass die Abfluss­rohre hier etwas schma­ler sind und zur Papier-Sparsamkeit gera­ten wird. Pas­send dazu, lie­gen die Preise für das Toi­let­ten­pa­pier wesent­lich höher, als bei uns. So haben wir tri­um­phiert, als es heute das 2-lagige „Royale“ für nur 7$ (plus Steu­ern) im Super-Sonderangebot gab. Bis auf die Abfluss­rohre ist sonst (fast) alles ein wenig grö­ßer. So fal­len wir fast wöchent­lich, nach dem Ein­kau­fen, vom Fahr­rad, wenn wir 4-Liter-Milchkanister, XXL-Säfte und Joghurt-Eimer (Son­der­an­ge­bot!), spa­zie­ren fah­ren. Auch die wun­der­schöne Natur ist üppi­ger und urwüch­si­ger als bei uns. Um eine der ural­ten, rie­si­gen Zedern umar­men zu kön­nen, bedarf es schon ein wenig Arm­gym­nas­tik. Die gigan­ti­schen Kie­fern­ge­wächse errei­chen näm­lich einen Durch­mes­ser von bis zu fünf Metern und sol­len einem Glück brin­gen, wenn man sie lie­be­voll umarmt. Apro­pos lie­be­voll:
Die Kana­dier sind extrem hilfs­be­reite und kon­takt­freu­dige Men­schen, die mit Frem­den beson­ders gern plau­dern. Wenn wir manch­mal auch nur einen Stadt­plan in der Hand hal­ten, wer­den wir schon ange­spro­chen und für­sorg­lich gefragt, ob wir uns ver­lau­fen haben oder Hilfe benö­ti­gen. Bei einer Rad­tour vor eini­gen Wochen, haben wir einen schnel­len Blick auf unsere Rad­wan­der­karte gewor­fen und sind sofort wei­ter­ge­fah­ren. Den­noch hat sich ein älte­rer Herr auf sei­nem Renn­rad beharr­lich nach uns umge­se­hen und uns ange­spro­chen,

Ich mag Bäume
Ich mag Bäume

um sicher zu gehen, dass wir uns auch nicht ver­fah­ren haben. Selbst die Bus­fah­rer sind in Punkto Herz­lich­keit ganz weit vorn, so hel­fen sie ihren Fahr­gäs­ten bei der Suche nach der gewünsch­ten Ziel­hal­te­stelle und plau­dern gelas­sen über die Wet­ter­aus­sich­ten auf Van­cou­ver Island. Mög­li­cher­weise haben sie ihre gute Laune der Tat­sa­che zu ver­dan­ken, dass sich jeder Fahr­gast beim Aus­stei­gen für die Trans­fer­leis­tung bedankt. Das Per­so­nal in Super­märk­ten ist nicht min­der freund­lich. An der Kasse wer­den nicht nur unsere Lebens­mit­tel ein­ge­tü­tet, son­dern auch Kom­pli­mente gemacht. So erfreute sich mein Schuh­werk einst der Begeis­te­rung eines mode­be­wuss­ten Ver­käu­fers, der mich mit den Wor­ten: „Your boots are so beau­ti­ful!“ ver­ab­schie­dete. Zudem sind die Men­schen hier so ver­trau­ens­wür­dig, dass es nicht ein­mal not­we­nig ist, die Haus­tü­ren abzu­schlie­ßen. In unse­rem Haus gibt es einen Sei­ten­ein­gang, der sich nicht ein­mal zuschlie­ßen ließe, selbst wenn wir es woll­ten. Genauso wie die Kana­dier, kön­nen auch wir unse­ren Fahr­rad­helm, beim Ver­las­sen des Rades, ein­fach am Len­ker bau­meln las­sen. Wäh­rend der Anreise unse­rer nor­we­gi­schen Freun­din Hilde, ging ihr Gepäck ver­lo­ren. Es wurde am Fol­ge­tag nach­ge­lie­fert und weil gerade nie­mand im Hause war, ein­fach vor der Tür abge­stellt. Der ein­zige Inter­es­sent hätte ein Reh sein kön­nen, dass auf dem Weg zu unse­rer Ter­rasse am Gepäck geschnüf­felt hätte.

Das ist Kanada: Ursprüng­lich, natür­lich, offen­her­zig und riesengroß!


Part 13: Feuer!!!

Feuerwehrautos
Feuerwehrautos

01. Juli 2010: Bereits in der letz­ten Woche stand fest: „Kanada ist ursprüng­lich, natür­lich, offen­her­zig und rie­sen­groß.“ In die­ser Woche muss ich die­ser Fest­stel­lung zwei wei­tere Adjek­tive hin­zu­fü­gen: Kanada ist auch ver­räu­chert und ver­qualmt. Was ich damit meine: Es ist Frei­tag­abend. Conny und ich sit­zen gemüt­lich auf der Couch. Ich stu­diere die dies­wö­chi­gen Supermarkt-Sonderangebote, wäh­rend Cor­ne­lia auf ihrem Lap­top her­um­drückt. Urplötz­lich ertönt aus der Küche ein Schuss. Ent­setzt bli­cken wir uns an, machen dann aber gleich einen unse­rer Mit­be­woh­ner für die­ses Geräusch ver­ant­wort­lich. Wäh­rend ich gewis­sen­haft in der Wer­bung blät­tere und mich hochkon­zen­triert frage, ob fünf Fla­schen Ketchup inner­halb von zwei Mona­ten zu schaf­fen sind, ent­wi­ckelt die WG-Küche ein Eigen­le­ben.

Geschätzte zehn Minu­ten nach dem selt­sa­men Schuss, ertönt näm­lich ein ohren­be­täu­ben­der Feu­er­alarm. Panik­ar­tig ver­las­sen wir das Sofa, rei­ßen Connys Zim­mer­tür auf und wer­den von einer dicken Qualm­wolke emp­fan­gen. Erschro­cken lasse ich die Wer­be­zet­tel fal­len, renne zur Haus­tür, reiße sie auf, rufe „Feuer“ und flüchte. Zur Sicher­heit prüfe ich, ob Conny mir folgt, drehe mich um und mache eine kata­stro­phale Beob­ach­tung: Meine Freun­din stürmt todes­mu­tig in die Küche: direkt in den dicken, stin­ken­den Rauch. Hero­isch folge ich ihr.

In der Küche ange­kom­men, steht Conny schon an der Spüle und schreckt unsere pech­schwar­zen, völ­lig ver­durs­te­ten Eier ab. Der durch­drin­gende Alarm dröhnt noch immer durch das gesamte Haus. Ner­vös lese ich die Bedie­nungs­an­lei­tung zum Thema: „Was tun bei fal­schem Alarm?“ und drü­cke auf dem Feu­er­mel­der herum. Stille. Zum Glück. Unser Puls ist gerade wie­der ein paar Schläge lang­sa­mer gewor­den, als das Tele­fon klin­gelt. Die Feu­er­wehr ist dran und erkun­digt sich nach uns. Pein­lich berührt erzähle ich von der Eierkoch-Panne und ver­si­chere, dass es uns gut geht. Sor­gen­voll durch­käm­men wir das Haus, um unsere Mit­be­woh­ner zu ent­war­nen. Komi­scher­weise sind nicht ein­mal die Kel­ler­be­woh­ner auf die Straße gerannt, um sich in Sicher­heit zu brin­gen. In der obe­ren Etage des Hau­ses ist nie­mand daheim, wie wir beru­higt her­aus­fin­den. Im Nach­hin­ein erfah­ren wir, dass unser neuer Kum­pel „Scott“ zu die­sem Zeit­punkt das Kel­ler­bad putzte und ver­mu­tete, den Alarm selbst aus­ge­löst zu haben. Er machte seine aggres­si­ven Putz­mit­tel und den Was­ser­dampf der Dusche dafür ver­ant­wort­lich und hat den fal­schen Alarm ebenso an die Feu­er­wehr wei­ter­ge­ge­ben. Zum Glück. Nicht aus­zu­den­ken, wenn hier ein Tross an Feu­er­wehr­au­tos in unse­rer nied­li­chen Straße vor­ge­fah­ren wäre … Aber auch ohne Feu­er­wehr­auf­ge­bot, hat Ste­ven - unser dau­er­be­sorg­ter Ver­mie­ter - der sich schon vor klei­nen, bun­ten Geburts­tags­ker­zen fürch­tet, von der gan­zen Sache Wind bekom­men. Wenige Tage nach die­sem Ereig­nis, fängt er mich (mal wie­der!) nach dem Duschen im Hand­tuch­kos­tüm ab und erin­nert mich freund­lichst daran, dass auf dem Herd ein Topf mit kochen­dem Was­ser steht. Mit die­ser Aktion haben wir viel­leicht alle Bären in der Umge­bung ver­trie­ben, aber unse­ren Haus­be­sit­zer ange­lockt und zu noch häu­fi­ge­ren Kon­troll­be­su­chen animiert …


Part 14: Vorsicht vor der chinesischen Mafia!

08. Juli 2010: Sams­tag­mor­gen in Kanada: Unser chi­ne­si­scher Ver­mie­ter hat mich schon einige Zeit nicht mehr in mei­nem Bade­hand­tuch über­rascht. Ich frage mich ernst­haft, ob es ihm gut geht und er okay ist. Meine Besorg­nis hält aller­dings nur bis zum fol­gen­den Tag an. Unser Haus­be­sit­zer schleppt näm­lich eine zarte, kleine Chi­ne­sin mitt­le­ren Alters ins Haus und zeigt ihr gedul­dig jeweils ein Zim­mer in allen drei Eta­gen. Nach sorg­fäl­ti­ger Inspek­tion des Hau­ses, wil­ligt die Dame ein und ent­schließt sich zu uns ins Erd­ge­schoss zu zie­hen. Jetzt wo wir ja Nach­barn sind, macht es uns auch über­haupt nichts aus, dass sie neu­gie­rig in unsere Räume lugt und unse­ren Kühl­schrank sorg­fäl­tig inspi­ziert.

Gleich am nächs­ten Tag fährt sie mit ihrem knall­ro­ten PKW vor und ver­bar­ri­ka­diert die halbe Ein­fahrt mit Kar­tons, Schlaf­sä­cken und kis­ten­weise Lebens­mit­teln. Auf mei­nem Weg in die Frei­heit frage ich sie erstaunt nach ihrer geplan­ten Auf­ent­halts­dauer. Im flie­ßen­den Eng­lisch mit kla­rer, chi­ne­si­scher Beto­nung ent­geg­net sie: „Ach, nur 2 Tage!“ und baut wei­ter den Ein­gang zu. Als wäre das nicht son­der­bar genug, ver­sucht sie am Abend krampf­haft ihren Lap­top inter­nett­aug­lich zu machen. Da es Pro­bleme gibt, klet­tert sie in unsere kleine Tech­nik­kam­mer und spielt an den Kabeln herum. In mei­ner Fan­ta­sie sehe ich schon eine dicke „Offline-Warnung“ auf MEINEM Lap­top blin­ken.

Erfreu­li­cher­weise ist die neue Mit­be­woh­ne­rin nicht allzu übereif­rig und geht zum Expe­ri­men­tie­ren in ihr eige­nes Zim­mer zurück, in dem sich immense Men­gen an tech­ni­schen Uten­si­lien auf dem Tep­pich­bo­den tum­meln. Als sie uns anbie­tet, uns mit ihrem Auto in die Rocky Moun­tains mit­zu­neh­men (ihr Mann unter­hält dort ein Motel), sind wir zunächst hoch­er­freut und eupho­risch. Je detail­lier­ter unsere Abspra­chen aber wer­den, umso skep­ti­scher wird unsere Ein­stel­lung gegen­über die­sem freund­li­chen Ange­bot. Sie gibt an, kein Handy zu besit­zen und den Abrei­se­ter­min zum Motel ihres Man­nes nicht zu ken­nen. Sie habe wohl noch „einen Job in Van­cou­ver zu erle­di­gen“… Nach zwei Tagen räumt sie tat­säch­lich ihren gesam­ten Haus­rat zurück in das rote Auto und ver­wan­delt die Ein­fahrt ein zwei­tes Mal in eine Sperr­zone. Nach­dem sie drei­ßig Mal die Auf­fahrt hin­auf und hinab gerannt ist, plat­ziert sie noch eine Rie­sen­box mit Lebens­mit­teln in unse­rm

Chinatown
Chinatown

Wasch­ma­schi­nen­raum und ver­kün­det: „Die Sei­ten­tür ist ja immer offen, ich kann also jeder­zeit wie­der­kom­men und in das Haus hin­ein.“ So; an die­ser Stelle ist es uns nun zu bunt. Wir bla­sen den Trip in die Rockies freund­lichst und dan­kend ab, da wir uns mitt­ler­weile ganz sicher sind, garan­tiert in die gefähr­li­chen Machen­schaf­ten der chi­ne­si­schen Mafia hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den. Sobald sie sich von uns ver­ab­schie­det hat, for­schen wir nach einer Mög­lich­keit, die besagte Sei­ten­tür zu ver­bar­ri­ka­die­ren. Es gelingt. Wir atmen erleich­tert auf und set­zen uns nach geta­ner Arbeit auf die Ter­rasse und bräu­nen unsere Haut in der kana­di­schen Som­mer­sonne.

Völ­lig uner­war­tet schießt plötz­lich unsere asia­ti­sche Freun­din um die Ecke und setzt sich gemüt­lich zu uns. Wir nut­zen diese äußerst güns­tige Gele­gen­heit für ein inten­si­ves Ver­hör und ent­lo­cken ihr fol­gende Tat­sa­chen:

1. Sie ist noch immer hier, weil sie den Haus­tür­schlüs­sel zurück­ge­ben muss.

2. Ihr vollgestopftes Auto ist das Resul­tat ihres Haus­ver­kaufs hier in Vic­to­ria.
3. Die Lebens­mit­tel sind für das Motel ihres Man­nes.
4. Der mys­te­riöse Job ist ein Ver­wand­ten­be­such bei ihren Eltern, wohn­haft in Van­cou­ver.

Soweit so gut. Unsere Ver­mu­tun­gen, sie sei Mit­glied der chi­ne­si­schen Mafia, bestä­ti­gen sich nicht. Den­noch bleibt es uns ein Rät­sel, warum sie das Auto für zwei Tage kom­plett ent­la­den hat und wes­halb sie ihre Abende mit wild ver­streu­ten tech­ni­schen Bau­tei­len auf dem Fuß­bo­den ver­bracht hat. Trotz Frei­spruch kommt der Trip in die Rockies auf­grund unüber­wind­ba­rer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hin­der­nisse nicht zustande.


Part 15: Bären? Ja, nein, vielleicht?

Ein Sommertag am See
Ein Sommertag am See

15. Juli 2010: Vic­to­ria, 30 Grad Cel­sius: Der Som­mer ist da! Anlass genug, end­lich ein­mal wie­der vom kusche­li­gen Bett auf die Iso­matte umzu­stei­gen und cam­pen zu fah­ren. Wir packen unsere rie­si­gen Trek­kin­gruck­sä­cke und schwin­gen bzw. hie­ven unsere sport­li­chen Kör­per auf die Fahr­rä­der und düsen Rich­tung „The­tis Lake“. Der Schweiß rinnt uns von den platt gedrück­ten, rui­nier­ten Haar­fri­su­ren (Blöde Helm­pflicht!) über die Stirn, hinab zum Kinn. Zum Glück errei­chen wir nach knapp zwei Stun­den bereits unser Ziel und sind zutiefst geschockt und abge­schreckt von dem Anblick, der sich uns dort bie­tet: Bal­ler­mann­stim­mung auf 20 qm. Hier müs­sen wir weg! Auf der Suche nach ech­ter kana­di­scher Idylle, stram­peln wir hoff­nungs­voll wei­ter zum „Lang­ford Lake“. Wir pas­sie­ren ein Hin­weis­schild mit fol­gen­der Auf­schrift: „Kein Zutritt. Pri­vat­ge­lände. Zugang nur für Cam­per.“ Schnur­stracks bie­gen wir ab. Schließ­lich wol­len wir ja Cam­per wer­den, sodass wir das Areal getrost beschrei­ten kön­nen. Nach weni­ger als drei Minu­ten stoppt uns ein blon­der Mann mitt­le­ren Alters und erkun­digt sich nach unse­rem Anlie­gen. Freu­dig zei­gen wir auf unsere umfäng­li­che Aus­rüs­tung und ent­geg­nen: „Wir möch­ten hier zel­ten!“
Freund­lichst weist er uns dar­auf hin, dass es sich um ein Pri­vat­grund­stück ohne öffent­li­che Zelt­wiese han­dele. Mit letz­ter Hoff­nung zei­gen wir ihm unsere Karte und das dazu­ge­hö­rige Cam­ping­sym­bol. „Herrje, den Cam­ping­platz hat es hier viel­leicht vor 20 Jah­ren gege­ben!“, lau­tet seine ernüch­ternde Ant­wort. Mit ent­täusch­ter Miene han­deln wir eine Schwimm­pause her­aus und las­sen uns einen Cam­ping­platz, nur einige Minu­ten ent­fernt, emp­feh­len. Ent­spannt son­nen wir uns auf einem klei­nen Holz­steg und beob­ach­ten die roman­ti­schen, bewal­de­ten Inseln auf dem Was­ser. Es dau­ert nicht lange und der blonde Kerl  – George – ver­sorgt uns mit eis­kal­tem Gin­ger Ale und berich­tet, dass er im Alter von zwei Jah­ren mit sei­ner Fami­lie von Deutsch­land nach Kanada gezo­gen ist. Kurz dar­auf kom­men wir mit Jim, Umberto und

Gil­bert ins Gespräch. Die Rent­ner haben Gefal­len an uns gefun­den und ver­sor­gen uns bald mit küh­lem Bier. Kur­zer­hand lädt uns George zum Bar­be­cue mit all sei­nem Freun­den ein. Wir ler­nen seine Frau – Phyl­lis – ken­nen und laben uns an Salat, gegrill­tem Huhn, Käse, Chips und noch mehr Bier. Als die ers­ten Rau­scher­schei­nun­gen ein­set­zen, tau­meln Umberto (Ita­lie­ner), Jim (Kana­dier), George, seine Frau (Kana­die­rin), Cor­ne­lia und ich auf das selbst gebaute Boot unse­res Gast­ge­bers und schip­pern mit Coun­try­mu­sik, Bacardi Bree­zer und unglaub­lich guter Laune über den See. Unser Gefährt erin­nert uns an einen Mis­sis­sippi Damp­fer, denn es besitzt zwei elektro-betriebene Schau­fel­rä­der an den Sei­ten. Wir genie­ßen die wun­der­bare Atmo­sphäre in vol­len Zügen – zumin­dest solange bis Umberto sei­nen selbst gemach­ten Wein her­vor­zau­bert und wir gegen Mit­ter­nacht nur noch ordent­lich betäubt in unser Zelt plump­sen. Am fol­gen­den Mor­gen gleicht unser Nacht­la­ger einem hoch­leis­tungs­fä­hi­gem Back­ofen. (Lek­tion der Woche: Zelt immer im Schat­ten auf­bauen!) Gut erhitzt und leicht ver­ka­tert krab­beln wir aus unse­rer Behau­sung und berei­ten uns auf das Mit­tag­es­sen bei unse­rem ita­lie­ni­schen Freund Umberto vor. Pünkt­lich zum Fuß­ball­fi­nale sit­zen wir an sei­nem Tisch und bekom­men einen hoch­pro­zen­ti­gen Ape­ri­tif ser­viert. Die Lachs­häpp­chen und die Rie­sen­por­tion Pasta haben keine Chance gegen den Alko­hol, denn zur Ver­dau­ung gibt es Rot­wein und selbst gebrann­ten Apfel­schnaps. Gründ­lich beschwipst ver­ab­schie­den wir uns gegen 18 Uhr von all unse­ren herz­li­chen Gast­ge­bern und radeln zum „Gold­stream Park“. Beim Ein­che­cken auf dem Cam­ping­platz erkun­di­gen wir uns nach Bären und ande­ren gefähr­li­chen Men­schen­fres­sern. Obwohl uns die Rezep­tio­nis­tin ent­warnt, hän­gen wir unsere Lebens­mit­tel an einen Ast und schla­fen mehr oder weni­ger beru­higt in unse­rem dünn­wan­di­gem Wild­nis­ho­tel. Am Fol­ge­tag unter­neh­men wir eine Wan­de­rung durch die Wäl­der des Parks und erkun­di­gen uns, kurz vor Ver­las­sen des Gebie­tes, erneut nach wil­den Tie­ren. Nicht nur die Mit­ar­bei­te­rin hat gewech­selt, son­dern auch die Aus­kunft, die wir erhal­ten, ist eine andere. Die Dame ent­geg­net: „Oh ja. Es gibt hier Bären und Pumas. Des­halb emp­feh­len wir unse­ren Cam­pern auch stets, das Essen weit weg an einen Baum zu hän­gen …“ Mit einem ver­krampf­ten Lächeln ver­ab­schie­den wir uns aus dem Gebiet und beschlie­ßen – in Punkto Bär – nie­man­dem mehr zu glauben.


Part 16: Alles nur Zufall?

22. Juli 2010: In die­ser Woche ist es bis­her noch Nie­man­dem gelun­gen, uns mit (hoch-)prozentigen Geträn­ken „über zu ver­sor­gen“ und einen Bären­an­griff hat es erfreu­li­cher­weise auch (noch) nicht gege­ben. Diese güns­tige Aus­gangs­lage erlaubt es mir, ein wenig zurück­zu­den­ken und dar­über zu phi­lo­so­phie­ren, was es mit Zufäl­len und Begeg­nun­gen so auf sich hat. Schon wäh­rend unse­rer letz­ten grö­ße­ren Rei­sen (Jakobsweg/Spanien und Island) sind Conny und ich häu­fig zum rich­ti­gen Zeit­punkt auf genau die rich­ti­gen Men­schen getrof­fen. Sie haben uns ent­we­der geo­gra­fisch ein Stück­chen voran gebracht oder uns mit ihrer Herz­lich­keit und Wärme fas­zi­niert. Neh­men wir das ver­gan­gene Wochen­ende: Cor­ne­lia und ich erwi­schen ver­se­hent­lich die fal­sche Ein­fahrt. Prompt lan­den wir bei einer gast­freund­li­chen Cam­per­runde und schip­pern mit Bacardi Bree­zer zu Coun­try Musik über einen male­ri­schen See, des­sen Ufer und Inseln mit präch­ti­gen Nadel­bäu­men gesäumt sind. Gehen wir aber mal ein gan­zes Stück­chen zurück: Als wir am 31. März in Vic­to­ria ange­kom­men sind, hat­ten wir weder eine Han­dy­num­mer von unse­rem Ver­mie­ter noch ein funk­tio­nie­ren­des Mobil­te­le­fon. Den­noch haben wir die erste Nacht nicht im Vor­gar­ten ver­brin­gen müs­sen, weil unser Haus­be­sit­zer exakt in dem Moment die Straße hin­auf fuhr, als wir uns schwit­zend mit 80 Kilo­gramm Gepäck durch die Nach­bar­schaft kämpf­ten. Er konnte uns zwar die Kof­fer nicht abneh­men, aber immer­hin die Schlüs­sel aus­hän­di­gen und uns per­sön­lich in die Geheim­nisse sei­ner Zet­tel­bot­schaf­ten (im gesam­ten Haus ver­teilt) ein­wei­sen. Dem Zufall sei Dank!
Als wir im Mai mit unse­rer Kre­dit­karte „Schlaf­los in Seat­tle“ spiel­ten, haben wir sofort nach unse­rer Ankunft eine über­ra­schende und lie­bens­wür­dige Begeg­nung gehabt. Wir stan­den gerade ori­en­tie­rungs­-

Jump, jump, jump
Jump, jump, jump

-los vor einem edlen Hotel in Down­town Seat­tle, als uns ein Chauf­feur ansprach und anbot uns kos­ten­los vor unse­rem Hotel abzu­set­zen. Natür­lich haben wir die Ein­la­dung sofort dan­kend ange­nom­men und uns durch die Stadt kut­schie­ren las­sen. Wären da nicht die abge­tra­ge­nen Trek­kin­gruck­sä­cke gewe­sen, hätte man uns in der Hotel­lobby für die neuen, auf­stre­ben­den Hol­ly­wood­stern­chen hal­ten kön­nen. Apro­pos Glit­zer und Gla­mour: Erstaun­lich, dass wir wäh­rend unse­rer Zeit in Las Vegas keine zehn Minu­ten allein an der Hotel­bar geses­sen hat­ten, bis uns die bei­den Män­ner von IBM groß­zü­gig (und ohne plumpe Anbag­ger­ver­su­che) zu Glücks­spiel und Drinks ein­ge­la­den hat­ten. Noch ein Bei­spiel für unsere glück­li­chen Fügun­gen: Seit Wochen fahn­den wir nach einer preis­güns­ti­gen Mög­lich­keit in die Rocky Moun­tains zu fah­ren. Letzte Woche woll­ten wir dann schon ein Busti­cket kau­fen, als wir beim Gril­len zufäl­lig (?) auf ein Stu­den­ten­pär­chen tra­fen, das uns die Mit­nahme in ihrem Auto anbot. Manch­mal ist es eben ein­fach bes­ser abzu­war­ten und von Zeit zu Zeit weni­ger zu pla­nen. Und weil wir genau das nun berück­sich­ti­gen, geht es am Sams­tag – ohne feste Reser­vie­run­gen und Trans­fer­ti­ckets – in die kana­di­sche Berg­welt. Grobe Über­sichts­kar­ten aus dem Inter­net und ein war­mer Schlaf­sack müs­sen genügen.


Part 17: Unseres fantastisches Kanadamärchen - Teil 1

Atemberaubend
Atemberaubend

05. August 2010: Diese Kolumne ver­fasse ich völ­lig unver­sehrt an mei­nem Schreib­tisch in Vic­to­ria. Ich bin näm­lich nicht in die ungüns­tige Situa­tion gera­ten, einen WLAN-Zugang aus einem Bären­bauch her­stel­len zu müs­sen. Den­noch kann ich die Frage nach dem Bären sofort beant­wor­ten: Bereits auf unse­rer Hin­fahrt in die Rockies haben wir einen jugend­li­chen Schwarz­bä­ren über die Straße huschen sehen. Lei­der war der kleine Kerl viel zu schnell, als das wir Beweis­fo­tos hät­ten schie­ßen kön­nen. Mög­li­cher­weise hat er unsere Bärenglo­cken im Kof­fer­raum klin­geln hören. Vor der Abreise hat sich Scott – unser kana­di­scher Mit­be­woh­ner – schon herz­haft über die klei­nen Klin­geln amü­siert und sich aus­ge­malt, wie wir in der Wild­nis nach einem Bären suchen, um ihm die Bim­mel an sein Fell zu hef­ten. Nach die­ser ers­ten Bären­be­geg­nung bin ich ein wenig beru­hig­ter, denn das Tier war klei­ner und ängst­li­cher als gedacht. Schon unser Hin­weg ist also ein Aben­teuer für sich. Ins­ge­samt 14 Stun­den düsen wir mit den Stu­den­ten Rosanna und Nick durch saf­tig grüne Land­schaf­ten, an glas­kla­ren Seen vor­bei, durch Nadel­wäl­der und Gebirge. Lange geht es durch tro­ckene, glü­hend heiße und hüge­lige Abschnitte, auf denen mei­len­weit kein ande­res Auto zu sehen ist – nur die end­lose Straße vor uns und die offene Land­schaft neben uns. Die Tem­pe­ra­tu­ren lie­gen außer­halb und inner­halb unse­res Fahr­zeu­ges bei etwa 40° Cel­sius. Eine Kli­ma­an­lage gibt es nicht.
Nach drei Stun­den step­pe­n­ähn­li­cher Umge­bung errei­chen wir ein deut­lich grü­ne­res Gebiet. Je näher wir unse­rem Ziel kom­men, umso impo­san­ter wer­den die zacki­gen Fels­for­ma­tio­nen der Rocky Moun­tains. Erst gegen 20.00 Uhr haben wir es geschafft und las­sen uns von Rosanna und Nick zum Cam­ping­platz in Revel­s­toke fah­ren. Lei­der sind wir zu spät, um noch einen Platz für unser klei­nes Zelt abzu­be­kom­men. Wäh­rend wir unse­ren Charme noch ein wenig spie­len las­sen, tele­fo­niert Nick schon mit sei­nem Kum­pel und sorgt dafür, dass wir den Abend und die Nacht mit unse­ren bei­den Fah­rern und ihren Freun­den direkt in der Innen­stadt des klei­nen Örtchens ver­brin­gen dür­fen. Nach­dem wir im Wohn­zim­mer des gemüt­li­chen Mobile Home’s genäch­tigt haben, bie­tet uns Jor­dan – einer der Bewoh­ner – an, dass wir mit unse­rem Zelt einige Tage auf sei­nem Grund­stück cam­pen dür­fen: „Ich, Rosanna und Nick sind die nächs­ten Tage sowieso nicht hier. Mein Mit­be­woh­ner ist auch ein­ver­stan­den.

Die Tür zum Haus und zum Bade­zim­mer steht immer offen und ihr könnt hin­ein, wann immer ihr wollt.“, bie­tet er uns groß­zü­gig an. Über­wäl­tigt und dank­bar bauen wir unser Lager auf und ver­ab­schie­den uns von den Stu­den­ten. Nach­dem wir einen ers­ten Ein­druck von der Umge­bung gewon­nen haben, schlen­dern wir bei circa 35° Cel­sius zum Wil­liam­son Lake. Hier las­sen wir uns von fre­chen Kin­dern mit Was­ser­pis­to­len jagen und machen Bekannt­schaft mit Larry. Larry lebt hier in der Gegend, hat lan­ges locki­ges Haar, ist Fri­seur in den Mitt­fünf­zi­gern, gebo­re­ner Enter­tai­ner und geht nie­mals ins tiefe Was­ser, weil er sich vor schau­der­haf­ten Mons­tern fürch­tet. Mit Larry und sei­nem Freund Peter – den er selbst auch erst seit drei Tagen kennt – trin­ken wir haus­ge­mach­ten Wein am See und fah­ren zum Abend in die Innen­stadt zum all­abend­li­chen Musik­fes­ti­val auf einer win­zi­gen Open-Air-Bühne. Peter – ein wasch­ech­ter Künst­ler mit grauem Spitz­bart – lädt uns alle zum Essen ein. Als Dank belohnt uns Larry mit sei­nem Erzähl­küns­ten. Unge­lo­gen: Vier­zig (!!!) Minu­ten lang erzählt er ohne Unter­bre­chung einen aus­ge­dehn­ten, umfas­sen­den Witz über Goril­las, Ele­fan­ten und Mäuse. Als er end­lich an der Pointe ange­langt ist, haben wir den Anfang und Mit­tel­teil des Wit­zes schon völ­lig ver­ges­sen. Ich befürchte, wir sind zwi­schen­zeit­lich kurz ein­ge­nickt. Der Scherz ist aber nicht das ein­zige High­light des Abends, so bie­tet Peter an, uns in eini­gen Tagen zu unse­rem nächs­ten Tourziel im Oka­na­gan Val­ley zu fah­ren. Gut, dass wir keine Busti­ckets gekauft haben! Die Ver­ab­schie­dung ist an die­sem Abend genauso aus­führ­lich wie Larrys Witz und wir fal­len erst gegen null Uhr ins Zelt. Am fol­gen­den Tag wan­dern wir bei brü­ten­der Hitze direkt in den Natio­nal­park und stel­len fest, dass sich die Anga­ben aus dem Tou­ris­mus­büro kei­nes­falls mit den rea­len Ent­fer­nun­gen decken. So müss­ten wir allein 25 Kilo­me­ter lau­fen, um die male­ri­sche Wan­der­ge­gend über­haupt zu errei­chen. Kur­zer­hand stre­cken wir die Dau­men in die Höhe und hal­ten inner­halb von zehn Minu­ten einen Van – bela­den mit Oma, Opa, Kin­dern und Enkeln – an. Die Fami­lie stammt aus dem Oka­na­gan Val­ley und gibt uns für die bal­dige Wei­ter­reise den Geheim­tipp in dem klei­nen Örtchen Oka­na­gan Falls zu ver­wei­len, statt durch Men­schen­mas­sen in Kelowna zu wan­dern. Von ihnen erfah­ren wir aber lei­der auch, dass es hier im Revel­s­toke Natio­nal­park bald nur so von blut­sau­gen­den Mos­ki­tos und Pfer­de­flie­gen wim­meln wird. Am Ziel ange­kom­men, haben wir uns kaum von ihnen ver­ab­schie­det, als wir sogleich Opfer aggres­si­ver Insek­ten­at­ta­cken wer­den. Es ist unglaub­lich. So einen Angriff haben wir beide noch nie erlebt. Conny schwillt am gesam­ten Kör­per an und wir müs­sen eine freund­li­che Wan­de­rin um Insek­ten­spray bit­ten, damit wir die fabel­hafte Land­schaft über­haupt genie­ßen kön­nen. Halb­wegs geschützt und nach Zur­kennt­nis­nahme zahl­rei­cher Bären­warn­schil­der machen wir uns auf den Wan­der­weg zum male­ri­schen Eva Lake.


Part 18: Unser fantastischen Kanadamärchen - Teil 2

12. August 2010: Die Natur, die sich vor unse­ren erstaun­ten Augen auf­tut, ent­spricht haar­ge­nau mei­ner Wunsch­vor­stel­lung von Kanada. Schmale Nadel­bäume, spie­gel­glatte Seen, über­wäl­ti­gende Berge und Schluch­ten, durch die sich der Colum­bia River schlen­gelt, und saf­tig grüne Wie­sen rau­ben uns den Atem. Bei­nahe kann ich die Urein­woh­ner hören wie sie auf ihren Pfer­den durch die Wild­nis rei­ten und im har­mo­ni­schen Ein­klang mit der Natur leben. Auch wir sind sehr deut­lich zu hören mit unse­ren zwei Bärenglo­cken und dem lau­ten Gesang. Da macht es uns fast nichts aus, dass die Kana­dier ein wenig über uns schmun­zeln und uns mit blö­den Wit­zen, wie die­sem hier bespa­ßen: „Was ist der Unter­schied zwi­schen einem Schwarz­bär und einem Grizzly?
Auf­lö­sung: Im Kot des Grizz­lys lie­gen Bäreng­löck­chen.“ Das wir nur gespielt grin­send wei­ter­lau­fen, muss ich sicher­lich nicht erwäh­nen … Als wir nach drei­stün­di­ger Wan­de­rung den male­ri­schen See errei­chen, haben wir kei­nen ein­zi­gen Bären gesich­tet und schlie­ßen statt­des­sen Bekannt­schaft mit einem Ehe­paar aus Cal­gary. Die Bei­den ver­ab­re­den sich mit uns auf dem Park­platz und garan­tie­ren uns die Rück­fahrt in die Stadt. Sie hal­ten ihr Wort und berich­ten noch, dass sie in 30 wan­dern­den Ehe­jah­ren noch nie­mals einen Bären zu Gesicht bekom­men haben.
Zwei Tage spä­ter tref­fen wir uns mit unse­rem chao­ti­schen Künst­ler und Fah­rer Peter und beob­ach­ten wie er lei­den­schaft­lich lang­sam sein Auto frei räumt. Schließ­lich klemme ich auf der Rück­sitz­bank fest und habe die Gele­gen­heit mit einer unech­ten Gum­mi­hand und elek­tro­ni­schen Klein­ge­rä­ten zu spie­len. Zum Glück, denn auch diese Auto­fahrt dau­ert stun­den­lang und endet erst am Abend auf einem win­zi­gen Cam­ping­platz – direkt am See in Oka­na­gan Falls. Lei­der ist auch die­ser Zelt­platz hoff­nungs­los über­füllt. Wir aber haben Glück. Die Besit­zer arran­gie­ren uns einen „hal­ben Platz“ neben einem Zelt, in dem nur tags­über ein paar Tee­nies zu Besuch sind. Noch ein wenig scho­ckiert über einen Preis von 78$ für zwei Nächte, sprin­gen wir ins Was­ser und machen inner­halb von Sekun­den schon wie­der eine neue Bekannt­schaft: Kel­ley – eine lebens­frohe, attrak­tive, blonde Mitt­vier­zi­ge­rin – ver­an­lasst unse­ren sofor­ti­gen Umzug auf ihren Platz, neben dem Wohn­wa­gen. Bis auf den Gäs­te­be­trag bekom­men wir unsere Gebühr pro­blem­los wie­der. Die Cam­ping­platz­be­trei­ber sind sogar noch froh dar­über, dass wir einen Hau­fen Geld spa­ren. Die kana­di­sche Herz­lich­keit geht wei­ter, als ein hef­ti­ges Gewit­ter her­ein­bricht und in Kelleys

Per Anhalter unterwegs
Per Anhalter unterwegs

Wohn­wa­gen eine Mega­party star­tet. Die auf­ge­drehte, ursym­pa­thi­sche Cam­pe­rin sorgt dafür, dass wir zum Par­ty­high­light wer­den und knutscht uns zu spä­te­rer Stunde wech­sel­weise fröh­lich die wein­ge­rö­te­ten Wan­gen ab. Der Abschied fällt uns zwei Tage spä­ter rich­tig schwer. Aller­dings geht die Reise warm­her­zig wei­ter. Mit drei ver­schie­de­nen Autos tram­pen wir in Rich­tung Prin­ce­ton. Der letzte Fah­rer ist ein für­sorg­li­cher, gro­ßer, dick­li­cher, grau­haa­ri­ger See­bär. Er nimmt uns unge­fähr eine Stunde lang mit und zeigt uns die wich­tigs­ten Sehens­wür­dig­kei­ten auf dem Weg. In Prin­ce­ton ange­kom­men, sorgt er dafür, dass wir auf einem Pri­vat­ge­lände, direkt an einem Fluss, zel­ten kön­nen und uns von einem der benach­bar­ten Häu­ser Trink­was­ser holen dür­fen. Zutiefst gerührt und ergrif­fen vom dem rei­bungs­lo­sem (zufäl­li­gem?) Lauf der Dinge, genie­ßen wir noch ein kana­di­sches Bier am rau­schen­den Fluss. Wir haben gerade drei Schlu­cke genom­men, als wir Bekannt­schaft mit der Anwoh­ne­rin Bar­bara schlie­ßen. Sie offe­riert uns ein Früh­stück für den nächs­ten Mor­gen. Tat­säch­lich laben wir uns am Fol­ge­tag an fri­schem Kaf­fee, selbst geba­cke­nen Blaubeer-Muffins und Obst, das Bar­bara – lie­be­voll auf einem Tablett ange­rich­tet – zu uns an den Fluss gebracht hat. Auf unse­rem heu­ti­gen Rück­weg zum Fähr­ha­fen in Van­cou­ver bleibt uns das Schick­sal treu. Nach ein­stün­di­gem Tanz mit einem Papp­schild (mit der Auf­schrift „Van­cou­ver“) am Stra­ßen­rand, lesen uns die bei­den Frauen auf, von denen wir am Vor­abend unser Trink­was­ser bekom­men haben. Ins­ge­samt benö­ti­gen wir vier Autos und sechs Stun­den um unser Ziel zu errei­chen. Als uns der vor­letzte Fah­rer noch 20$ für die Fähr­fahrt schen­ken will (wir leh­nen natür­lich dan­kend ab) und uns extra noch 30 Kilo­me­ter wei­ter­fährt, kön­nen wir nicht mehr anders, als uns im Fähr­ha­fen über­glück­lich in die Arme zu fal­len. Die fan­tas­ti­schen Erleb­nisse der ver­gan­ge­nen Woche zie­hen wie ein Film an uns vor­bei. Es hat schon wie­der funk­tio­niert – das ver­trau­ens­volle „sich trei­ben las­sen“ …


Part 19: "Der Bär in meinem Bett"

Sonniger Arbeitsplatz
Sonniger Arbeitsplatz

19. August 2010: Der Mor­gen­tau ver­ab­schie­det sich von Kanadas Wie­sen und macht der auf­ge­hen­den Sonne Platz. Eine Frau liegt schla­fend in ihrem Ehe­bett und wird vom Wecker­klin­geln unsanft aus den Träu­men geris­sen. Schlaf­trun­ken dreht sie sich auf die Seite und brei­tet ihre Arme aus. Sie erschreckt, als sie den ver­trau­ten Kör­per ihres Man­nes neben sich spürt und ruckelt ihn wach. Schließ­lich steht er doch immer vor ihr auf, um pünkt­lich bei der Arbeit sein zu kön­nen. Der Mann rea­giert so gar nicht auf die Berüh­run­gen sei­ner Frau. Lang­sam öffnet sie ihre Augen und ver­sucht dabei wei­ter­hin ihn wach zu schüt­teln. Als sie die Augen end­lich geöff­net hat, fährt sie beängs­tigt zusam­men. Neben ihr liegt ein Schwarz­bär und genießt die Vor­züge eines war­men, wei­chen Bet­tes.
Erstarrt vor Schock bewegt sie sich eine ganze Weile lang über­haupt nicht. Auch der Bär zeigt kei­ner­lei Reak­tio­nen. Irgend­wann – als sie die Situa­tion in ihrer völ­li­gen Kurio­si­tät rea­li­siert hat – hält sie es nicht mehr aus, hüpft panisch aus ihrem Bett und rennt schrei­end vor ihrer pel­zi­gen Affäre davon. Da musste ich nun fast fünf Monate in Kanada

ver­brin­gen, bis ich auf jeman­den getrof­fen bin, der mir so eine Mords­ge­schichte über Bären auf­ti­schen konnte. Die Quelle ist eine freund­li­che Frau, die wir im Bus ken­nen­lern­ten. Sie ist mitt­ler­weile Kana­die­rin und vor mehr als zwan­zig Jah­ren aus Deutsch­land aus­ge­wan­dert. Beim gemüt­li­chen Kaf­fee­trin­ken in ihrem Hause habe ich mich bei­nahe an mei­nem leuch­tend roten Erd­beer­keks ver­schluckt, als sie uns die Sensations-Story erzählte.
Kaf­fee­trin­ken, Kuchen­es­sen und gemüt­li­che Bier­abende ste­hen momen­tan auf unse­rer Tages­ord­nung. In weni­ger als zwei Wochen ver­las­sen wir Vic­to­ria, sodass wir uns jetzt so lang­sam von den vie­len lie­bens­wür­di­gen Men­schen und Freun­den ver­ab­schie­den. Neben all den Goodbye-Dates sind wir flei­ßig am Orga­ni­sie­ren und Abarbei­ten, um unsere Uni­ver­si­täts­pflich­ten noch glän­zend zu erfül­len. Vor eini­gen Wochen führ­ten wir ein sehr infor­ma­ti­ves Inter­view mit einem Gesund­heits­be­ra­ter aus dem „MINISTRY OF HEALTH SERVICES“ in Vic­to­ria. Wir haben das Gespräch zum Thema: „Umwelt und Gesund­heit“ gefilmt und unsere Dreh­ar­bei­ten auf die Parks, Rad­wege und öffent­li­chen Plätze der Stadt aus­ge­wei­tet. Her­aus­ge­kom­men ist eine beacht­li­che Menge an Roh­ma­te­rial, die wir auf eine knappe halbe Stunde Film her­un­ter­ge­kürzt haben. Bis auf ein paar Fein­hei­ten ist unser Film­werk voll­bracht. Gespannt war­ten wir auf ein wei­te­res Tref­fen mit unse­rem Prot­ago­nis­ten aus dem Minis­te­rium und seine Mei­nung zu unse­rer Arbeit.

Bis dahin ver­sü­ßen wir uns die letzte Zeit im mär­chen­haf­ten Kanada mit der ein oder ande­ren „frei­wil­li­gen Pflicht“ …


Part 20: Traumland Kanada: Bis bald!

26. August 2010:

Komm geh mit mir nach Kanada
Dort wer­den unsre Träume wahr
Von einem klei­nen Haus hoch in den Ber­gen
Mit dir allein durch Wäl­der zieh’n
Durch weite Wie­sen saf­tig grün
Und Nachts ist war­mes Gras dann unsre Welt

Ein­mal möcht’ ich, daß wir zwei erle­ben
Wie es ist, so end­los frei zu sein

Alles tun, wovon wir sonst nur reden
Laß uns beide ein­fach glück­lich sein …
(Bernd Schütz)

 

Ja, vor fünf fan­tas­ti­schen Mona­ten hieß es für Cor­ne­lia und mich: Komm geh’ mit mir nach Kanada, dort wer­den unsre Träume wahr. Und nun heißt es Abschied neh­men vom Traum­land Kanada. In weni­gen Tagen wer­den wir über die Wol­ken der Pro­vinz Bri­tish Colum­bia glei­ten und letzte Bli­cke auf die mäch­ti­gen Rocky Moun­tains wer­fen. Unsere Kana­da­bi­lanz? Natür­lich posi­tiv: Eine Bären­sich­tung (zum Glück aus dem Auto her­aus), unzäh­lige Reh-Besuche auf der Ter­rasse, warm­her­zige Begeg­nun­gen mit nicht-tierischen Mit­bür­gern, neue Freund­schaf­ten, ver­bes­serte Eng­lisch­kennt­nisse, ein völ­lig neues Gefühl für Dis­tan­zen und ein biss­chen mehr Gelas­sen­heit. Apro­pos Gelas­sen­heit: Ent­spre­chend aller Studenten-Klischees haben wir unse­ren Film (erst) diese Woche fer­tig bekom­men. Sowohl unsere Pro­fes­so­ren von der Uni als auch der Prot­ago­nist aus dem

Gut getroffen, oder?
Gut getroffen, oder?

Gesund­heits­mi­nis­te­rium haben unser Werk begeis­tert abge­seg­net und uns zufrie­den umarmt und ver­ab­schie­det. Nun schlen­dern wir ent­spannt durch Vic­to­ria, atmen die erfri­schende Pazi­fi­k­luft ein, bewun­dern die Mil­lio­nen Lich­ter, die jede Nacht das Par­la­ments­ge­bäude erhel­len und amü­sie­ren uns mit unse­ren neu gewon­ne­nen Freun­den. Ges­tern Abend haben wir uns im Hafen von einem groß­ar­ti­gen Künst­ler kari­kie­ren las­sen. Kris­tin - unsere humor­volle deut­sche Pro­jekt­kol­le­gin -, Nathan - unser lie­be­vol­ler korea­ni­scher Freund -, Cor­ne­lia und ich freuen uns über unser natur­ge­treues Abbild, auch wenn Conny ihre Nase ein wenig zu groß gera­ten fin­det. Nase hin oder her: Das Modell­sit­zen hat sich gelohnt: Unser Sou­ve­nir ist ein­zig­ar­tig. Auch wenn es am Diens­tag­mor­gen heißt: „Good­bye Vic­to­ria!“, ver­las­sen wir die Stadt nicht nur mit Weh­mut, son­dern auch mit Vor­freude auf unse­ren Besuch in der Metro­pole Toronto. Dort wer­den wir unsere kana­di­schen Ladies vom Jakobs­weg in die Arme schlie­ßen und einen wür­di­gen Abschied vom Traum­land Kanada neh­men. Vie­len Dank an alle, die zu unse­rem Super­som­mer beige­tra­gen haben!